Ein altes Velodrom und die Im-Kreis-Fahr-Wirtschaft.

    Dr. Johannes KOPF
    Von Dr. Johannes KOPF

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    Ein altes Velodrom und die Im-Kreis-Fahr-Wirtschaft.

     

    Und wieder hab ich ein spannendes AMS Projekt an einem besonderen Ort besucht. Diesmal, weil meine Kollegin Petra Draxl mir so begeistert davon erzählt hat. Das Ferry Dusika Stadion in der Leopoldstadt in Wien, gebaut ab 1968 und zwar dort, wo schon zuvor die alte österreichische Freiluft-Radrennbahn stand, hat schon viele große Wettkämpfe gesehen. Berühmt für seine Bahn-Radrennen (WM 1987) wurde dort aber zum Beispiel auch um Volleyball- (EM 1999), Handball- (B-WM-1977) oder Leichtathletik- (Hallen-EM-2002 Stephanie Graf, Silber, 800m!) Medaillen gekämpft.

    Noch heuer wird es aber nun abgerissen, das alte Velodrom. An seiner Stelle soll bis 2023 im Auftrag der MA 51 der Stadt Wien die moderne und auch ökologisch wertvolle Sportarena Wien gebaut werden. Doch noch vor dem Abriss ist seit Sommeranfang das BauKarussell im Einsatz und mit dabei ist auch ein AMS Projekt. Das BauKarussell bezeichnet sich selbst als erster österreichischer Anbieter für Social Urban Mining im Bereich des verwertungsorientierten Rückbaus. Urban Miningalso eine Art Bergbau in der Stadt, steht für die Hebung von Rohstoffen aus dicht besiedeltem Gebiet. Im konkreten Fall geht es um die Wiederverwertung von Dingen aus dem Ferry Dusika Stadion, deren Bergung sich noch lohnt. Das besonders schöne an diesem Projekt ist es, dass das nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sozial nachhaltig erfolgt, da die Arbeit von ehemals langzeitarbeitslosen, meist älteren Personen geleistet wird. Daher die Bezeichnung „Social“ vor dem „Urban Mining“.

    Re-Use Projekte sind aktuell stark im Trend und leisten mittlerweile auch schon einen wertvollen Beitrag zum Schutz unserer Umwelt. Allein in AMS Projekten arbeiten mittlerweile mehr als 2.000 Beschäftigte in Bereich der Kreislaufwirtschaft. Second Hand Läden, Altstoffrecycling und die Reparatur von Haushaltsgeräten sind schon bekannt, mittlerweile werden aber auch tolle Designprodukte (mein persönliches Highlight: gabarage!) aus Altstoffen entwickelt und auch der der Baubereich bietet ein ökologisch interessantes und beschäftigungsintensives Einsatzgebiet (zB Abbau des sogenannten „Glaspalastes“ des ehemaligen Wiener Rechenzentrums).

    Kupferkabel, 5.000 Sessel und ein altes Buffet.

    Im Dusika Stadion beschäftigt Die Kümmerei (das sozialökonomische Beschäftigungsprojekt von Job-Transfair) im Auftrag des AMS aktuell bis zu 3 Arbeitsanleiter_innen – die auch die Einschulung übernehmen – und gut 10 sogenannte Transitarbeitskräfte. Diese – ich habe heute nur Herren gesehen – haben dabei mehr als genug zu tun. Viele Tonnen an unglaublich schweren, aber auch wertvollen Kupferkabeln werden geborgen, 5.000 Besuchersessel sind bereits demontiert, Bodenbeläge müssen entfernt und Holz und Metall getrennt werden. Zehntausende Euro an Eigenerwirtschaftung durch die Wiederverwertung sparen dabei Förderkosten. Das Projekt verbindet für die Beschäftigten den Erwerb von Fertigkeiten, Einkommen und Bewusstseinsbildung mit – und das war heute deutlich zu merken – Sinnstiftung. Und das ist, besonders für ehemals langzeitarbeitslose Menschen und deren weiterer Beschäftigungsintegration wertvoll.

    Manches der alten Dusika Halle wird gleich beim Neubau weiter verwendet, so sollen zB die Bahnbretter für die Schalungen gebraucht werden, anderes wird man möglicherweise bald an anderer Stelle in unserer Stadt wiederentdecken. Sessel für die eine oder andere Grätzel Oase wurden schon abgeholt, Projektplaner*innen und Architekt*innen sind eingeladen, die an Wand oder Boden zu schraubende Stühle in ihre Projekte zu integrieren.

    Wer aber, so wie ich (noch ohne zu wissen wofür!), einen der alten Sessel selbst kaufen will, bitte hier lang. Keine Sorge, wir haben noch ausreichend.

    Danke an Eva Haslinger, die passenderweise auf dem Rad anreisende, rasende Reporterin von Ö1, die mich ins Dusika-Stadion begleitet hat und einen Journalbeitrag gemacht hat. Der Beitrag kann hier noch 7 Tage nachgehört werden.

     


    PS. Nicht nur der Zustand der alten Halle machte Probleme, sondern auch ihr Namensgeber. Franz „Ferry“ Dusika war – laut einem Bericht einer Historikerkommission aus 2013 – schon vor 1938 NSDAP Mitglied und übernahm auch ein arisiertes Radgeschäft. Auch das Problem der Namensgebung wird nun ebenfalls abgerissen.


     

     

     

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    Quelle: johanneskopf.at